“Die Gespenster von Demmin” von Verena Keßler
Verlag: Hanser Berlin, Erscheinungsjahr: 2020
Besprochen von Sandra Weber

Vorwort
Wer meine Kollegin Frau Reitermann kennt, weiß, dass sie ein äußerst gutes Händchen für Buchempfehlungen hat. Meistens trifft sie bei den Lesern den richtigen Geschmack bzw. Nerv. So geschehen bei mir. Wie persönlich die Buchempfehlung für mich werden sollte, konnte sie nicht ahnen.

Inhaltsangabe Klappentext
Larry wächst in einer Kleinstadt mit besonderer Geschichte auf – Ende des zweiten Weltkrieges kam es in Demmin zu einem Massensuizid. Für Larry ist ihre Heimatstadt aber vor allem eins: langweilig. Sie will so schnell wie möglich raus in die Welt und Kriegsreporterin werden. Während Larry mit den Unzumutbarkeiten des Erwachsenwerdens kämpft, steht einer alten Frau der Umzug ins Seniorenheim bevor. Beim Aussortieren ihres Hausstands erinnert sie sich an das Kriegsende in Demmin und trifft eine folgenschwere Entscheidung. Mit Leichtigkeit und Witz erzählt Verena Keßler von Trauer und Einsamkeit, von Freundschaft und der ersten Liebe. Ein Roman über die Sprachlosigkeit zwischen den Generationen und die Möglichkeit, sie zu überwinden.

Meinung
Larry ist fest entschlossen: Sie will Kriegsreporterin werden. Um ihrem Ziel näher zu kommen, trainiert sie fleißig, um für etwaige Foltermethoden gerüstet zu sein. Nebenher bessert sie ihr Taschengeld damit auf, den hiesigen Friedhof sauber zu halten. Ein seltsam morbides Umfeld für eine fünfzehnjährige. Doch Larry ist für ihr Alter ziemlich abgeklärt. Die aus der Ich-Perspektive verfassten Passagen trotzen vor trockenem, mitunter auch trotzigem Humor. Und im späteren Verlauf des Romans wird einem auch klar, warum der Friedhof eine zentrale Rolle in Larrys Leben spielt.
Larrys Geschichte steht die ihrer alten Nachbarin Frau Dohlberg gegenüber. Frau Dohlbergs Gesundheit schwindet merklich und so wird sie von ihrem Verwandten dazu gedrängt in ein Seniorenheim zu ziehen. Mit jeder gepackten Kiste bahnt sich eine längst verdrängte Erinnerung ihren Weg in ihr Bewusstsein zurück. Die Gespenster der Vergangenheit holen Frau Dohlberg Stück für Stück ein.
Anfangs hatte ich meine Zweifel ob die Gegenüberstellung der beiden Leben, bzw. auch Generationen funktionieren kann. Auch weil die Sprache eher im Umgangston gehalten ist. Kurze Sätze, oft mit dem Partizip beginnend.
Doch Verena Keßlers Konzept geht wunderbar auf. Frau Dohlberg steht für die Generation, die den Massensuizid erlebt und überlebt haben. Larry steht für die Zukunft Demmins und ihrer Bevölkerung, die nicht minder Schicksal behaftet ist.
Beide Generationen sind unfähig aufeinander zuzugehen, um sich in ihrer Trauerarbeit zu unterstützen. Überhaupt sind Trauer und Verlust die großen Themen dieses Romans. Beides lastet schwer auf der Demminer Bevölkerung. Daher ist auch die Buchgestaltung, die einen Trauerschwan abbildet, mehr als treffend.
Doch trotz all der Schicksale, die in diesem Roman zusammentreffen, gelingt es Verena Keßler, den Leser nicht in völliger Verzweiflung und Trauer untergehen zu lassen. Der Unterton ist bestimmt von Lebenswillen, Selbstbestimmtheit und vor allem Hoffnung.
Gerade die junge Generation macht sich auf, “Die Gespenster von Demmin” hinter sich lassen, um ihrem Leben eine andere Wendung zu geben.

Anmerkung
Meine Großmutter ist im von Demmin ca. 200 Kilometer entfernten Bennin geboren und aufgewachsen. Später, längst ins Schwäbische immigriert und mit Jahrzehnten vergangen, hat sie mir noch immer eingeschärft: “Pass auf, wenn der Russe kommt!” Diesen Satz wiederholte sie mit einsetzender Demenz immer öfter. Als Kind habe ich dem wenig Beachtung beigemessen. Lediglich die damit verbundene Furcht habe ich gespürt.
Frau Dohlbergs Geschichte ermöglichte es mir meine Großmutter zu verstehen. Auch sie muss Schreckliches durchlebt haben, über das sie nie sprechen konnte oder auch wollte.
Ohne zu politisieren lässt Verena Keßler ihre Protagonistin ihre Geschichte erzählen. Eine beinahe behutsame Art, sich dem Thema Massenvergewaltigung durch Rotarmisten anzunähern.
Für mich persönlich war der Roman eine absolute Bereicherung. Ich konnte so für 237 Seiten meiner verstorbenen Großmutter Nahe sein.
Aber auch ohne einen derartigen Bezug zur Geschichte ist “ Die Gespenster von Demmin” absolut empfehlenswert. Ein Buch, das man gelesen haben sollte.

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