Kennen Sie schon…? – Rezensionen Ihrer Gemeindebücherei

„Die Überlebenden“ von Axel Schulman
Erscheinungsjahr: 2021; Verlag: dtv; ISBN: 978-3-423-28293-2
Besprochen von Sandra Weber

Vorwort
Lange mussten Sie warten! Viele Bücher habe ich gewälzt und eine sehr hartnäckige Schreibblockade bezwungen. Nun dürfen Sie sich wieder auf regelmäßige Rezensionen von mir freuen und meine Buchtipps „gegenlesen“.
Klappentext
Dass die Mutter ihre letzte Ruhe nicht neben dem Vater finden wollte, erfahren Benjamin, Pierre und Nils erst am Abend vor der Beerdigung. Stattdessen wünschte sie sich, dass ihre Asche über jenem Waldsee verstreut würde, an dem die Familie früher ihre Sommer verbrachte. Zwanzig Jahre sind die Brüder schon nicht mehr dort gewesen, und so beginnt für sie eine Reise durch die raue, unberührte Natur Skandinaviens wie durch die Zeit.
Im Kampf um die Liebe der Mutter, die abweisend und grob, dann wieder beinahe zärtlich war, haben die Brüder sich damals aufgerieben bis zur Erschöpfung. Heute fühlen sie sich so weit voneinander entfernt, dass es kein Aufeinander-zu mehr zu geben scheint. Und doch ist da dieser Rest Hoffnung, die Welt ein Stück heiler zu machen, wenn sie sich noch einmal gemeinsam an den Ort ihrer Kindheit vorwagen.

Meinung
„Der Polizist sucht in seinen Hosentaschen nach einem Notizblock. Er weiß nicht, dass diese Geschichte auf kein Stück Papier passen wird, dass er gerade in eine mehrere Jahrzehnte lange Erzählung einsteigt, von drei Brüdern, die einmal vor langer Zeit von hier fortgerissen wurden und jetzt gezwungen sind, zurückzukehren.“ (S. 13/Z. 4-9)
Während ihrer Kindheit verbringen die Brüder Nils, Benjamin und Pierre gemeinsam mit ihren Eltern und Hund Molly die Sommerferien in ihrem idyllisch gelegenen Sommerhaus mitten in der Einöde Schwedens. Was zunächst nach Ferien wie auf Bullerbü klingt, könnte nicht weiter von dessen Assoziation entfernt sein.
Schon zu Beginn des Romans fordert der Vater, träge und alkoholgeschwängert, die drei Jungs zu einem Wettschwimmen auf. Das Wasser ist allerdings noch viel zu kalt und die Strecke zur Boje viel zu weit. So entwickelt sich der spielerische Konkurrenzkampf zwischen den Brüdern zu einem Kampf ums Überleben. Mit Müh und Not schaffen es die drei zurück ans Ufer – von ihren Eltern fehlt jede Spur. Sie sind bereits ins Haus gegangen, überlassen die Brüder sich selbst.
Überhaupt ist die Familie dysfunktional. Vater und Mutter eint nur der gemeinsame Alkoholkonsum. Die Beziehung zu ihren Kindern könnte man als unberechenbar bezeichnen. Mal sind die Eltern liebevoll, um ihre Kinder im nächsten Moment mit teils drakonischen Strafen zu erziehen. Auch mutet manche Reaktion der Mutter
völlig überzogen an. Tendenziell ist das vorherrschende Erziehungsmodell Vernachlässigung – nicht nur die Hygiene betreffend, sondern auch die Haushaltsführung:
„Als er jedoch die Nägel anderer Kinder in seiner Klasse betrachtete, war bei ihnen von Schmutzrändern nichts zu sehen, es gab jemanden, der sich um ihre Hände kümmerte, der dafür sorgte, dass sie sauber und die Fingernägel geschnitten waren.“ (S.183f)
Geschickt verknüpft Axel Schulman die Vergangenheit und Gegenwart der drei Brüder. Diese abwechselnde Erzählperspektive fließt ineinander und ergibt ein stimmiges Gesamtbild. Dabei bedient er sich eines sehr stilvollen Kunstgriffs: Oft beginnt und endet ein Kapitel mit dem gleichen Satz.
Der Mittelteil des Buches dient hauptsächlich dazu, dass Gefühls- und Seelenleben der Brüder offenzulegen. Dadurch wird der Leser Teil dieser „Familie“ und er verliert Seite für Seite, Zeile für Zeile, Wort für Wort seine emotionale Distanz – genau an diesem Punkt wartet Schulman mit einer Überraschung auf.

Fazit
Ein durch und durch fesselndes Buch mit einer absoluten Leseempfehlung!

Weitere Rezensionen finden Sie hier